Du & ICH - KONTAKT VERSTEHEN

Ge-SCHICHTEN: Wie du Glaubenssätze erkennst, die echten Kontakt verhindern

Anita9777

Du sitzt mit einer Freundin im Café. Der Cappuccino ist längst lauwarm, und sie erzählt. Von ihrer Schwiegermutter, die sich schon wieder eingemischt hat. Du kennst die Geschichte. Du kennst sie so gut, dass du an den richtigen Stellen nicken könntest, während du im Kopf die Einkaufsliste schreibst. Haferflocken, Zahnpasta, ach ja, Hundefutter, Gummibärchen.

Und dann meldet sich das schlechte Gewissen. Bin ich eine furchtbare Freundin? Sie braucht mich doch.

Zwei Stunden später gehst du nach Hause. Du hast viel gehört. Und trotzdem bleibt dieses komische Gefühl, eigentlich nichts erfahren zu haben. Nichts über sie. Und von dir hast du auch nichts gezeigt.

Herzliche Willkommen in meiner Welt. Bis vor kurzem kannte ich das genauso.
Mittlerweile glaube ich, dass diese Leere, dieses „Nichts“  keine Charakterschwäche ist. Sie ist eine sehr genaue Rückmeldung.

 

Ein Wort, das plötzlich anders dastand

Neulich habe ich über das Wort Ge-schichten nachgedacht. Einfach so, wie man manchmal an einem Wort hängen bleibt und es im Mund hin und her dreht. Und dann stand es plötzlich anders da:

Ge-SCHICHTEN.

Schichten. Unter den Geschichten, die wir uns und anderen erzählen, liegen Schichten. Glaubenssätze. Überzeugungen. Scham. Begrenzungen. Alte Sätze, die irgendwann jemand zu uns gesagt hat oder die wir selbst aus einer Erfahrung gezogen haben. Und unter all dem liegt etwas, das nicht erzählt werden muss: das, was wirklich in uns lebt.

Das hat mich kurz sprachlos gemacht, weil es so viel erklärt: Warum mich manche Gespräche erschöpfen, warum ich manche Menschen nach Jahren kaum kenne. Und warum sich Kontakt manchmal in einem einzigen Satz ereignet, ganz ohne Geschichte drumherum.

Wie Schichten entstehen

Schichten entstehen durch Wiederholung. Das kennst du von jedem Felsen am Meer: Immer wieder lagert sich etwas ab, Jahr für Jahr, bis es fest wird und aussieht wie Boden.

Mit Geschichten passiert genau das. Beim ersten Erzählen ist da noch Bewegung. Die Stimme wackelt, du suchst nach Worten, du weißt selbst noch nicht so genau, was du eigentlich fühlst. Beim zehnten Erzählen sitzt jeder Satz. Die Pointe kommt an derselben Stelle, die Empörung auch. Irgendwann erzählt sich die Geschichte fast von allein.

Genau da wird sie zur Schicht. Sie liegt dann nicht mehr über einer Erfahrung, sie ersetzt sie.

Aus: „Meine Mutter hatte damals keine Zeit für mich“ wird: „Für mich hat eben niemand Zeit“.

Aus einer Situation wird eine Überzeugung. Und aus der Überzeugung wird etwas, das sich anfühlt wie ein Charakterzug:

Ich bin halt so.

Das Tückische daran: Jede Schicht fühlt sich an wie Wahrheit. Sie ist ja auch aus etwas Wahrem entstanden. Nur hat sie mit dem, was heute ist, oft nicht mehr viel zu tun. Sie begrenzt, statt zu beschreiben.

Besonders dicht werden Schichten dort, wo Scham im Spiel ist. Scham will nicht gesehen werden. Also baut sie sich eine Geschichte, hinter der sie sich verstecken kann. „Ich bin halt nicht so gesellig“ klingt viel leichter als „Ich habe Angst, dass ihr merkt, wie unsicher ich bin.“ Die Geschichte schützt. Und gleichzeitig hält sie genau die Menschen auf Abstand, von denen wir uns am meisten wünschen, gesehen zu werden.

Woran du Glaubenssätze in Geschichten erkennst

Glaubenssätze laufen nicht mit einem Namensschild herum. Sie verstecken sich in Geschichten, und zwar richtig gut. Mir fällt aber auf, dass sie Spuren hinterlassen, wenn du genauer hinhörst.

Die erste Spur sind die großen Wörter. Immer. Nie. Schon wieder. Typisch. „Das passiert mir immer.“ „Bei mir klappt das nie.“ Wo solche Wörter auftauchen, wird aus einem einzelnen Erlebnis ein Gesetz gemacht.

Die zweite Spur ist die Vorhersehbarkeit. Du weißt, wie die Geschichte endet, bevor sie zu Ende ist: weil sie jedes Mal gleich endet, nicht etwa, weil du hellsehen kannst: die anderen waren schuld oder man selbst war zu viel, zu wenig, zu empfindlich.

Die dritte Spur spürst du eher, als dass du sie hörst: Da ist keine Bewegung. Die Stimme bleibt gleich, der Atem auch. Das Gesicht erzählt etwas anderes als die Worte, oder gar nichts. Es wirkt, als würde jemand einen gut geübten Text aufsagen.

Und die vierte Spur liegt bei dir. Du wirst müde. Du schweifst ab. Du fühlst dich seltsam allein, obwohl ihr zu zweit am Tisch sitzt. Das ist keine Unhöflichkeit. Das ist dein Körper, der präzise meldet: Hier geschieht nichts zwischen uns.

Warum oberflächliche Gespräche so erschöpfen

Oberflächliche Gespräche haben einen schlechten Ruf, weil man sie mit Smalltalk verwechselt. Übers Wetter reden ist aber gar nicht das Problem. Du hattest bestimmt schon mal ein herrlich lebendiges Gespräch über Regen.

Oberflächlich wird es dort, wo Menschen einander Schichten zeigen statt sich selbst. Das kann eine halbe Stunde über die Schwiegermutter sein, über den Chef oder den Ex. Es kann sogar ein Gespräch über richtig tiefe Themen sein: Kindheit, Verletzung, Beziehung. Auch das lässt sich erzählen wie eine gut geölte Geschichte.

Und hier wird es spannend. Erschöpfend ist nicht das Zuhören an sich. Erschöpfend ist, dass du in Kontakt kommen willst und keine Stelle findest, an der das möglich ist. Du klopfst an eine Wand. Freundlich, geduldig, immer wieder, doch irgendwann tun dir einfach nur noch die Knöchel weh.

Wer sich im Kontakt schnell selbst verliert, hält das besonders lange aus, weil Zuhören sich wie Zuwendung anfühlt und weil du niemanden unterbrechen willst, weil deine eigene Müdigkeit dir weniger wichtig erscheint als das Bedürfnis der anderen, sich auszusprechen.

Stimmt das eigentlich? Hilft es deiner Freundin, wenn du zum fünften Mal nickst? Oder hilft es ihr mehr, wenn du ihr etwas anderes anbietest als ein weiteres Publikum für dieselbe Geschichte?

Über dich sprechen oder von dir sprechen

Irgendwann ist mir ein kleiner Unterschied aufgefallen, der für mich alles verändert hat. Er steckt in zwei winzigen Wörtern.

Wenn ich eine Geschichte erzähle, spreche ich über mich.

Ich stehe ein Stück neben mir und berichte.

Ich bin die Erzählerin, und die Person in der Geschichte ist eine Figur, die ich beschreibe.

 

Wenn ich in Kontakt sein will, spreche ich von mir.

Von dem, was sich gerade in mir bewegt. „Mir wird eng in der Brust.“ „Ich merke, dass ich wütend werde, während ich das sage.“ „Ich weiß gar nicht, was ich eigentlich fühle.“ Das sind keine Geschichten. Das sind Momente, in denen jemand da ist.

Über mich sprechen schafft Abstand.

Von mir sprechen schafft Nähe.

Und das Verrückte: Von sich zu sprechen braucht oft viel weniger Worte. Ein Satz reicht, manchmal ein halber.

Probier es aus: Erzähl jemandem, was dich heute geärgert hat und dann sag einen Satz dazu, wie es dir jetzt damit geht, während du hier sitzt. Du wirst merken, wie sich die Luft zwischen euch verändert.

 

Die Frage, die eine Schicht durchlässig macht

Was mache ich also, wenn ich im Café sitze und die Geschichte zum fünften Mal höre?

Ich frage irgendwann:

„Wie geht es dir gerade, während du mir das erzählst?“

Nicht: Wie ging es dir damals? Auch nicht: Was hältst du davon? Sondern: Jetzt, in diesem Moment, hier mit mir, während du erzählst. Was passiert in dir?

Diese Frage macht etwas Erstaunliches. Sie holt die Person aus der Rolle der Erzählerin heraus und in ihren eigenen Körper hinein. Manchmal entsteht eine Pause. Manchmal ein überraschtes „Hm. Gute Frage.“ Manchmal kommen Tränen, die in der ganzen Geschichte keinen Platz hatten. Und manchmal ein Lachen: „Ehrlich gesagt langweilt mich die Geschichte selbst schon.“

Das glaubt mir keiner, aber genau an dieser Stelle beginnt oft das eigentliche Gespräch.

Stell dir vor, deine Freundin hält inne. Sie schaut in ihre Tasse. Dann sagt sie: „Weißt du was? Ich glaube, ich bin gar nicht sauer auf sie. Ich bin traurig. Weil ich mir wünsche, dass mal jemand auf meiner Seite steht.“ Plötzlich sitzt da nicht mehr die Frau mit der nervigen Schwiegermutter. Da sitzt deine Freundin, mit einem Wunsch, der vermutlich viel älter ist als ihre Ehe. Und du bist kein Publikum mehr. Ihr seid in Kontakt.

Schichten abtragen passiert selten in einem Rutsch. Es beginnt an einer einzigen Stelle, an der die Schicht durchlässig wird. Dort, wo jemand kurz spürt, statt zu erzählen. Und von dieser Stelle aus lässt sich weitergraben.

 

Und deine eigenen Geschichten?

Bis hierhin klingt das, als ginge es nur um die anderen. Um die Freundin mit der Schwiegermutter. Um den Kollegen mit dem ewigen Chef-Drama.

Aber mal ehrlich: Du hast auch ein paar Geschichten im Repertoire. Die Geschichte davon, dass am Ende immer du diejenige bist, die sich kümmert, die davon, dass du zu viel bist oder die, dass Nähe dich irgendwann einengt.

Glaubenssätze erkennen fängt genau hier an: bei der Geschichte, die du selbst am häufigsten erzählst. Nicht, um sie zu verurteilen, sondern um sie zur Frage zu stellen.

Du weißt nicht, welche das ist? Frag einen Menschen, der dich gut kennt. Der kann sie dir wahrscheinlich samt Pointe nacherzählen.

Ein kleines Experiment: Wenn du das nächste Mal merkst, dass du eine deiner Geschichten erzählst, halte kurz inne. Mitten im Satz, wenn es geht. Und frag dich: Wie geht es mir gerade, während ich das erzähle? Was macht mein Bauch? Mein Atem? Stimmt das eigentlich noch, was ich da sage?

Manche Geschichten fühlen sich dann auf einmal dünn an. Wie eine Jacke, die längst nicht mehr passt. Und darunter taucht etwas auf, das leiser ist und viel lebendiger.

Fragen, die dir jetzt kommen könnten

Ist es nicht unhöflich, jemanden mitten in der Geschichte zu unterbrechen?

Kommt drauf an, womit du unterbrichst. Wenn du das Thema wechselst oder deine eigene Geschichte obendrauf setzt, fühlt sich das für dein Gegenüber wie Abweisung an. Wenn du aber fragst: „Wie geht es dir gerade, während du das erzählst?“, dann unterbrichst du nicht den Menschen. Du unterbrichst die Geschichte und wendest dich dem Menschen zu. Das ist das Gegenteil von unhöflich. Es ist eine Einladung, in der oft mehr Zuwendung steckt als im fünften Nicken.

Was, wenn die andere Person mit der Frage nichts anfangen kann?

Das passiert. Manche Menschen sind so an ihre Geschichten gewöhnt, dass die Frage nach dem Jetzt erst mal ins Leere läuft. „Wie, wie geht’s mir? Na, sauer halt!“ Das ist in Ordnung. Du musst niemanden aus seinen Schichten holen. Die Frage wirkt oft nach, auch wenn sie im Moment abprallt. Und du hast etwas für dich getan: Du bist im Kontakt geblieben, statt innerlich abzuschalten.

Heißt das, ich darf keine Geschichten mehr erzählen?

Oh nein, bitte weiter erzählen. Geschichten verbinden, bringen zum Lachen, machen Erfahrungen teilbar. Manchmal sind sie auch der einzige Weg, auf dem sich jemand überhaupt in die Nähe eines schwierigen Themas traut. Es geht nicht darum, Geschichten abzuschaffen. Es geht darum zu merken, wann eine Geschichte eine Brücke ist und wann sie eine Wand.

Wie erkenne ich meine eigenen Glaubenssätze, wenn sie sich doch wie die Wahrheit anfühlen?

Über den Körper. Dein Kopf wird einen Glaubenssatz immer verteidigen, dafür hat er ihn ja gebaut. Dein Körper ist da ehrlicher. Achte darauf, wie es sich anfühlt, eine bestimmte Geschichte über dich zu erzählen. Wird es eng? Schwer? Oder spürst du gar nichts, als würdest du einen Text ablesen? Genau diese Taubheit ist oft ein Hinweis, dass du auf einer Schicht stehst und nicht auf deinem eigenen Boden.

 

Was unter den Schichten liegt

Ich mag das Bild der Ge-SCHICHTEN, weil so viel Hoffnung darin steckt. Wo Schichten sind, ist auch etwas darunter. Etwas, das nicht erzählt werden muss, weil es einfach da ist: Dein gesundes Selbst, das hervortreten kann, sobald die Schichten weniger werden.

Und der Weg dahin ist überraschend unspektakulär. Er beginnt mit einer Frage. An die Freundin im Café. Oder an dich selbst, mitten in einem Satz, den du schon hundertmal gesagt hast.

Wie geht es dir gerade, während du das erzählst?

 

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