Du & ICH - KONTAKT VERSTEHEN

Harmoniesucht: warum wir Kontakt mit Harmonie verwechseln

Anita9777

Ich finde es erstaunlich, wie oft wir Kontakt mit Harmonie verwechseln.

Jemand sagt etwas, das mich ärgert.

Ich bemerke es und bevor ich überhaupt herausfinde, was mich daran eigentlich ärgert, bin ich schon damit beschäftigt, die Situation wieder angenehm zu machen.

Erklären, rechtfertigen, beschwichtigen, besänftigen, trösten.
Hauptsache, es ist wieder gut.

Aber was wäre, wenn guter Kontakt gar nicht der Kontakt ist, in dem es sich immer gut anfühlt?

Was wäre, wenn es zwischen zwei Menschen auch mal knirschen darf?

Und was wäre, wenn genau da etwas sichtbar wird, das für Beziehung ziemlich interessant ist?

 

Harmoniesucht klingt erstmal ziemlich harmlos

Wer mag schon Streit?

Ich jedenfalls nicht unbedingt.

Wahrscheinlich kennen viele Menschen diesen Impuls:

Lass uns das doch einfach wieder gut miteinander sein.

Warum müssen wir jetzt darüber diskutieren?

Ist doch eigentlich gar nicht so wichtig.

Ich will keinen Stress.

Das klingt zunächst nach Friedfertigkeit oder nach Rücksicht, nach dem Wunsch, dass es dem anderen gut geht.

Und natürlich ist daran auch nichts grundsätzlich falsch.

Ich möchte nicht in einer Beziehung leben, in der ständig gestritten wird. Ich möchte nicht jedes kleine Missverständnis zur Grundsatzdiskussion machen.

Aber es gibt einen Unterschied zwischen:

„Ich wünsche mir Frieden.“

und

„Ich halte es kaum aus, wenn zwischen uns etwas nicht stimmt.“

Und genau da wird es für mich spannend.

Denn vielleicht geht es bei Harmoniesucht gar nicht in erster Linie darum, dass wir Harmonie so unglaublich lieben.

Vielleicht versuchen wir manchmal einfach, eine Störung im Kontakt möglichst schnell wieder verschwinden zu lassen.

„Sind wir noch gut miteinander?“

Vielleicht kennst du das:

Du sagst etwas und der andere reagiert anders als erwartet.

Ein Blick, ein Seufzen, ein kurzes „Okay“.

Und plötzlich verändert sich etwas in dir.

Vorher warst du ganz klar, du wolltest eigentlich sagen:

„Nein, das möchte ich nicht.“

Oder:

„Das hat mich gerade geärgert.“

Oder:

„Ich brauche heute Zeit für mich.“

 

Und dann kommt dieser kleine Moment.

Der andere ist vielleicht enttäuscht oder wirkt irritiert.

Oder du weißt einfach nicht, was er gerade denkt.

Und schon beginnt das innere Programm:

War das jetzt blöd von mir?

Hätte ich das anders sagen sollen?

Vielleicht habe ich übertrieben.

Eigentlich ist es ja auch nicht so wichtig.

Und schwupps. passiert es:

Du nimmst etwas zurück. Du erklärst dich. Du machst einen Witz. Du entschuldigst dich.

Oder du sagst einfach:„Ach, egal.“

Nur damit es wieder gut ist.

Aber was bedeutet dieses „gut“ eigentlich?

Ist wirklich wieder guter Kontakt entstanden?

Oder ist lediglich die Spannung verschwunden?

Das ist für mich ein ziemlich großer Unterschied.

 

Wir müssen uns nicht immer einig sein

Ich glaube, wir haben manchmal eine ziemlich merkwürdige Vorstellung von Nähe.

Wenn wir uns nah sind, dann sollten wir uns verstehen.

Wenn wir uns verstehen, sollten wir uns einigen können.

Und wenn wir uns nicht einigen können, stimmt vielleicht etwas mit unserem Kontakt nicht.

Oh mein Gott. Was für ein Druck.

Denn dann wird jede unterschiedliche Meinung plötzlich zu einer kleinen Bedrohung.

Du möchtest am Wochenende raus.

Ich möchte lieber zu Hause bleiben.

Du findest etwas lustig.

Ich finde es überhaupt nicht lustig.

Du möchtest darüber sprechen.

Ich brauche erstmal Abstand.

Du findest meinen Ton gerade daneben.

Ich finde deinen Ton gerade daneben.

Und plötzlich sind wir nicht mehr zwei Menschen mit unterschiedlichen Wahrnehmungen.

Plötzlich müssen wir eine gemeinsame Wahrheit herstellen.

Aber warum eigentlich?

Wir können miteinander verbunden sein und trotzdem unterschiedlich denken.

Wir können uns lieben und uns gegenseitig nerven.

Wir können uns nah sein und gerade nicht einer Meinung.

Und vielleicht ist genau das überhaupt kein Widerspruch.

Forschung zu Paarbeziehungen unterscheidet ebenfalls zwischen unterschiedlichen Formen von Konflikt: Konstruktive Auseinandersetzungen können anders wirken als destruktive oder aggressive Konflikte. Entscheidend ist also nicht einfach, ob es Konflikt gibt, sondern wie damit umgegangen wird.

 

Das Problem ist vielleicht nicht der Konflikt

Manchmal höre ich bei diesem Thema innerlich schon die nächste Frage:

Aber Konflikte sind doch anstrengend. Warum sollte ich das wollen?

Gar nicht.

Du musst Konflikte nicht wollen.

Du musst auch nicht lernen, dich ständig durchzusetzen.

Und du musst schon gar nicht anfangen, jede Kleinigkeit anzusprechen, nur weil du jetzt „gesunde Kommunikation“ gelernt hast.

Darum geht es mir überhaupt nicht.

Die spannendere Frage ist:

Kann ich eine Störung im Kontakt wahrnehmen, ohne sofort dafür sorgen zu müssen, dass sie wieder verschwindet?

Kann ich merken:

Oh. Gerade ist etwas anders.

Und erstmal da bleiben?

Nicht sofort reparieren, nicht sofort erklären, nicht sofort herausfinden, wer jetzt recht hat.

Vielleicht sogar einen Moment lang gar nichts tun.

Das kann erstaunlich schwierig sein.

Denn eine Störung im Kontakt kann sich im Körper ziemlich deutlich bemerkbar machen.

Der Bauch zieht sich zusammen,der Puls geht hoch. Du wirst unruhig.

Du möchtest schreiben oder gerade nicht mehr schreiben.

Du möchtest die Situation klären. Sofort. Jetzt.

Am besten noch bevor der andere überhaupt merkt, dass irgendetwas passiert ist.

 

Und wo bist du dabei?

Hier landet die Frage wieder bei dem, worum es bei FreiVerbunden für mich eigentlich geht.

Wo bin ich, während ich mit dir in Kontakt bin?

Denn vielleicht ist das Entscheidende gar nicht:

„Wie verhindere ich Konflikte?“

Sondern:

„Was passiert mit meinem Kontakt zu mir, wenn es zwischen uns schwierig wird?“

Kann ich noch wahrnehmen, was ich denke, was ich fühle, was ich möchte?

Kann ich noch unterscheiden:

Ich bin gerade anderer Meinung.

von:

Unsere Beziehung ist in Gefahr.

Das sind zwei vollkommen unterschiedliche Aussagen.

Und trotzdem können sie sich innerlich manchmal fast gleich anfühlen.

 

Wenn Harmonie wichtiger wird als Wahrnehmung

Vielleicht kennst du auch diese kleinen Alltagssituationen, die eigentlich völlig unspektakulär sind.

Jemand fragt: „Was möchtest du heute essen?“

Du hast eigentlich Lust auf etwas ganz Bestimmtes.

Aber der andere möchte etwas anderes.

„Mir egal.“

Warum?

Weil es einfacher ist.

Oder:

„Willst du am Wochenende mitkommen?“

Du möchtest eigentlich lieber allein sein.

Aber du ahnst schon, dass der andere enttäuscht sein könnte.

„Mal schauen.“

Oder du sagst zu.

Und später ärgerst du dich über dich selbst.

Oder jemand macht einen Kommentar, der dich trifft.

Du spürst sofort etwas.

Aber statt zu sagen: „Das hat mich gerade getroffen.“

sagst du:

„Ach, ist schon okay.“

Vielleicht ist es das, vielleicht aber auch nicht.

Und genau hier kann Harmoniesucht ziemlich subtil werden.

Sie sieht nicht immer aus wie große Angst vor Streit.

Manchmal sieht sie einfach aus wie ständiges Nachjustieren.

Ein bisschen weniger von mir. Ein bisschen mehr von dir. Ein bisschen weniger Meinung.

Ein bisschen mehr Verständnis. Ein bisschen weniger Bedürfnis. Ein bisschen mehr Rücksicht.

Bis es wieder angenehm ist.

Nur leider kann dabei etwas verloren gehen:

Du.

Harmonie ist nicht das Gegenteil von Konflikt

Vielleicht brauchen wir deshalb eine andere Vorstellung von Verbindung.

Eine, in der nicht alles glatt sein muss.

Eine, in der zwei Menschen nebeneinander existieren dürfen.

Mit unterschiedlichen Bedürfnissen, unterschiedlichen Grenzen, unterschiedlichen Meinungen.

Und ja: mit unterschiedlichen Gefühlen.

Denn echte Verbindung bedeutet nicht, dass wir uns gegenseitig ständig bestätigen.

Manchmal bedeutet sie vielleicht sogar:

Ich bleibe hier. Auch wenn ich gerade nicht deiner Meinung bin.

Und:

Du darfst anders sein, ohne dass ich sofort weg bin.

Das ist etwas anderes als Harmonie.

Es ist vielleicht sogar etwas Schwierigeres und gleichzeitig etwas viel Lebendigeres.

 

Was wäre, wenn du die Störung nicht sofort lösen musst?

Vielleicht kannst du das beim nächsten kleinen Knirschen einmal beobachten.

Einfach aus purer Neugier und nicht als Übung oder neue Methode.

Du bemerkst:

Oh. Gerade stimmt etwas nicht.

Und statt sofort zu überlegen:

Wie bekomme ich das wieder gut?

fragst du dich:

Was passiert gerade eigentlich in mir?

Was ärgert mich? Was möchte ich? Was brauche ich? Habe ich gerade Angst, dass der andere enttäuscht ist? Oder dass er mich ablehnt? Oder dass unsere Verbindung kaputtgeht?

Und vielleicht kommt noch eine viel spannendere Frage dazu:

Kann ich gerade bei mir bleiben, obwohl es zwischen uns nicht ganz glatt ist?

Du musst darauf keine perfekte Antwort haben.

Vielleicht reicht es zunächst, überhaupt zu bemerken, dass du gerade wieder dabei bist, dich selbst aus dem Kontakt herauszunehmen, damit der Kontakt mit dem anderen angenehm bleibt.

Vielleicht darf es zwischen uns auch mal knirschen

Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass eine gute Beziehung daran zu erkennen ist, dass es möglichst wenig Reibung gibt.

Eine Beziehung ist kein frisch polierter Tisch.

Sie darf Spuren haben, Unterschiede, Missverständnisse, Genervtheit, Rückzug, Annäherung.

Und manchmal auch ein ziemlich deutliches:

„Nee. Das sehe ich anders.“

Die entscheidende Frage ist vielleicht nicht:

„Wie schaffen wir es, immer gut miteinander zu sein?“

Sondern:

„Wie können wir miteinander in Kontakt bleiben, wenn es gerade nicht gut ist?“

Und vielleicht noch eine Frage dahinter:

„Wie bleibe ich dabei auch mit mir selbst in Kontakt?“

Denn vielleicht beginnt Freiheit in Verbindung genau dort:

Wo ich nicht mehr jede Störung beseitigen muss, um mich sicher zu fühlen.

Wo ich nicht mehr automatisch Harmonie herstelle, bevor ich überhaupt weiß, was in mir los ist.

Wo ich mich selbst nicht verlassen muss, damit es zwischen uns wieder schön ist.

Heute denke ich:

Guter Kontakt braucht nicht immer Harmonie. Aber er braucht Raum für das, was tatsächlich da ist.

Und manchmal gehört dazu eben auch: Dass es mal knirscht.

 

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