Es gibt diese Abende, an denen eigentlich gar nichts Besonderes passiert ist und man trotzdem nicht zur Ruhe kommt.
Der Partner war vielleicht etwas stiller als sonst, hat weniger gesprochen, beim Abendessen kam kein richtiges Gespräch zustande. Es war „nichts, worüber man am nächsten Morgen unbedingt sprechen müsste“.
Und trotzdem liegt man später im Bett und geht den Tag noch einmal durch. Man erinnert sich an seinen Gesichtsausdruck, an eine kurze Antwort, an den Moment, in dem er plötzlich mit den Gedanken ganz woanders war, und irgendwann ist da diese Frage:
Ist zwischen uns noch alles in Ordnung?
Vielleicht war ich heute irgendwie anders. Möglicherweise habe ich etwas gesagt, das ihn gestört hat. War ich zu viel oder zu wenig? Ich hätte ihn vielleicht besser in Ruhe lassen sollen.
Wenn aus einer kleinen Irritation Verlustangst wird
Ich kenne diese Bewegung, dass aus einer kleinen Irritation ziemlich schnell eine ganze Geschichte werden kann.
Das passiert nicht unbedingt bewusst und auch nicht so, dass man sich hinsetzt und beschließt, jetzt Angst zu haben oder in Sorge zu sein.
Es passiert eher nebenbei.
Man beginnt, den anderen genauer zu beobachten und gleichzeitig das eigene Verhalten zu überprüfen. Man denkt darüber nach, was man gesagt hat, wie man es gesagt hat und ob man an irgendeiner Stelle etwas hätte anders machen können.
Und wenn die Angst größer wird, dass der andere sich entfernen könnte, entsteht leicht der Wunsch, etwas dagegen zu tun.
Man schreibt noch eine Nachricht, obwohl man eigentlich das Handy weglegen wollte.
Man fragt nach, ob alles gut ist. Man wird besonders verständnisvoll und versucht vielleicht, die Stimmung zwischen sich und dem anderen wieder ein bisschen leichter zu machen.
Schnell taucht der Gedanke auf, dass der andere gehen könnte und das ist schwer auszuhalten.
Wenn ich mich immer stärker an dir orientiere
Mich interessiert an Verlustangst deshalb nicht nur die Angst selbst, sondern das, was sie im Kontakt mit einem anderen Menschen auslösen kann.
Wenn ich große Angst davor habe, dass du mich verlässt, kann ich anfangen, sehr viel dafür zu tun, dass du bleibst:
Ich kann mich stärker an dir orientieren, genauer darauf achten, was du brauchst, und immer empfindlicher dafür werden, wann du dich entfernst. Das kann zunächst sogar wie besonders viel Nähe aussehen.
Ich bin aufmerksam, ich bin zugewandt, ich nehme dich ernst und versuche, dich nicht zusätzlich zu belasten.
Nur kann dabei etwas passieren, das viel weniger auffällig ist: Ich selbst werde immer weniger sichtbar.
Ich merke vielleicht noch, dass du Ruhe brauchst, aber nicht mehr, dass ich dich gerade vermisse.
Ich merke, dass du mit etwas beschäftigt bist, aber nicht mehr, dass mich dein Rückzug traurig macht.
Ich verstehe, warum du gerade keine Lust auf ein Gespräch hast, und übergehe dabei, dass ich dieses Gespräch eigentlich dringend führen möchte.
Ich sage „Ist schon okay“, weil ich spüre, dass es für dich gerade einfacher wäre, wenn es tatsächlich okay wäre.
Und irgendwann weiß ich ziemlich genau, wie es dir geht, aber nicht mehr so genau, wie es mir geht.
Ich finde diesen Punkt beim Thema Verlustangst besonders interessant, weil wir häufig darüber sprechen, dass jemand Angst davor hat, verlassen zu werden, aber weniger darüber, was diese Angst mit dem eigenen Platz in einer Beziehung macht.
Wenn ich ständig damit beschäftigt bin, deine Nähe zu sichern, kann es passieren, dass ich meine eigene Position im Kontakt immer weniger wahrnehme.
Ich frage mich dann vor allem, was du brauchst, was du möchtest und was ich tun kann, damit zwischen uns wieder alles gut ist.
Meine eigenen Bedürfnisse kommen vielleicht noch vor, aber sie werden verhandelbar.
Dein Rückzug wird wichtig. Meine Enttäuschung eher nicht.
Deine Überforderung bekommt Raum. Meine Grenze wird noch einmal überdacht.
Deine schlechte Stimmung beschäftigt mich. Meine Wut halte ich lieber zurück, weil ich gerade wirklich keinen Streit gebrauchen kann.
Das muss nicht einmal besonders dramatisch aussehen. Es kann sogar sehr harmonisch wirken.
Und vielleicht ist genau das manchmal das Schwierige daran.
Wenn ich mich immer stärker danach richte, was den anderen bei mir hält, kann ich irgendwann zu einer Person werden, die für den anderen nur noch schwer greifbar ist. Und es ist nicht so, dass ich nichts fühle oder nichts möchte, sondern ich habe gelernt, vieles davon nicht mehr in den Kontakt zu bringen. Ich zeige mich dort weniger, wo ich vermute, dass mein Zeigen gefährlich werden könnte.
Nähe ist nicht dasselbe wie Verschmelzung
Ich frage mich, ob das eine der Stellen ist, an denen wir uns selbst verlassen.
Und hier geht es nicht unbedingt um eine große Entscheidung. Es ist kein bewusstes „Ab heute bin ich nicht mehr ich selbst“.
Es geht eher um die vielen kleinen Momenten, in denen ich merke, dass ich eigentlich etwas sagen möchte und es dann doch lasse, um Momente, in denen ich ein Bedürfnis spüre und es sofort gegen das Bedürfnis des anderen abwäge oder in denen ich mich frage, was für ihn jetzt angenehmer wäre, bevor ich überhaupt wahrgenommen habe, was für mich gerade stimmig ist.
Ich verlasse mich selbst, bevor du mich verlässt.
Dieser Gedanke beschäftigt mich, weil er die Richtung der Verlustangst ein wenig verändert.
Die Angst richtet sich nach außen: Du könntest gehen.
Die Reaktion darauf kann aber dazu führen, dass ich mich selbst immer weiter aus dem Kontakt zurückziehe. Ich möchte die Beziehung halten und verliere dabei möglicherweise den Kontakt zu der Person, die diese Beziehung überhaupt mitgestaltet: zu mir.
Natürlich ist das keine einfache Erklärung dafür, warum Menschen verlassen werden. Es wäre ziemlich unfair, einer Frau, die verlassen wurde, im Nachhinein zu sagen, sie habe sich eben zu sehr angepasst und deshalb sei es passiert. Beziehungen sind viel komplizierter und komplexer. Menschen verlassen einander aus sehr unterschiedlichen Gründen.
Trotzdem finde ich den Zusammenhang interessant.
Denn eine Beziehung besteht ja nicht nur daraus, dass zwei Menschen nebeneinander sind. Da begegnen sich zwei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, Bedürfnissen und Grenzen.
Einer möchte vielleicht mehr Nähe, der andere mehr Abstand.
Einer möchte über etwas sprechen, der andere braucht erst einmal Zeit. Einer ist enttäuscht, der andere versteht nicht, warum.
All das kann anstrengend sein, aber genau darin passiert Beziehung.
Wenn ich dagegen versuche, möglichst wenig Reibung entstehen zu lassen, indem ich mich immer stärker anpasse, verändert sich auch dieser Kontakt. Der andere begegnet dann vielleicht immer weniger dem, was tatsächlich in mir vorgeht, und immer mehr einer Version von mir, von der ich glaube, dass sie für ihn leichter auszuhalten ist.
Und dann entsteht eine ziemlich paradoxe Situation: Ich möchte unbedingt, dass du bleibst, und tue dafür immer mehr Dinge, durch die du mich eigentlich immer weniger kennenlernen kannst.
Das bedeutet nicht, dass der andere mich deshalb verlassen muss. Aber ich finde die Frage spannend, was es mit einer Beziehung macht, wenn einer der beiden sich selbst darin immer weniger zeigt.
Denn Nähe braucht nicht nur Anwesenheit.
Sie braucht auch ein Gegenüber.
Ich kann dir nah sein und trotzdem etwas anderes wollen als du.
Ich kann verstehen, dass du Abstand brauchst, und gleichzeitig traurig darüber sein.
Ich kann deine Bedürfnisse ernst nehmen und trotzdem meine eigenen nicht verschwinden lassen.
Ich kann dich lieben und mich über etwas ärgern, das du getan hast.
Ich kann Nein sagen und trotzdem mit dir verbunden bleiben.
Was passiert, wenn mein Nein plötzlich gefährlich wird?
Eigentlich sind das keine besonders ungewöhnlichen Gedanken.
Und trotzdem können sie sich ziemlich schwierig anfühlen, wenn die Angst vor dem Verlassenwerden groß ist.
Dann bekommt ein Nein plötzlich ein viel größeres Gewicht.
Es bedeutet nicht mehr nur: Ich möchte das gerade nicht.
Es kann sich anfühlen wie: Wenn ich das nicht mitmache, könnte zwischen uns etwas kaputtgehen.
Also mache ich mit.
Ich sage Ja, obwohl ich eigentlich Nein meine.
Ich verschiebe meine Bedürfnisse.
Ich erkläre mir seine Reaktion.
Ich werde verständnisvoll, obwohl ich eigentlich wütend bin.
Ich gehe auf ihn zu, obwohl ich gerade selbst gerne einmal erleben würde, dass er auf mich zukommt.
Und vielleicht entsteht daraus genau das, was wir eigentlich verhindern wollten: Ich werde immer weniger spürbar, für mich nicht und möglicherweise auch nicht für den anderen.
Selbstkontakt beginnt nicht mit einer Lösung
Ich glaube nicht, dass die Antwort darauf sein kann, einfach weniger Angst zu haben.
Das wäre vermutlich genauso wenig hilfreich wie der Rat, man müsse nur lernen, unabhängiger zu werden.
Denn auch daraus kann schnell wieder eine neue Aufgabe entstehen, die wir möglichst gut erfüllen wollen:
Jetzt muss ich eben lernen, nicht mehr abhängig zu sein. Jetzt muss ich loslassen können.
Jetzt muss ich meine Verlustangst überwinden.
Und schon wieder sind wir damit beschäftigt, etwas mit uns zu machen, statt erst einmal wahrzunehmen, was eigentlich passiert.
Vielleicht ist es interessanter, an der Stelle stehen zu bleiben, an der die Angst auftaucht:
Ich merke, dass du dich zurückziehst. Was passiert dann mit mir?
Ich merke, dass ich Angst bekomme. Was tue ich als Nächstes?
Gehe ich auf dich zu, weil ich tatsächlich Nähe möchte?
Oder gehe ich auf dich zu, weil ich die Angst nicht aushalte?
Das ist für mich ein wichtiger Unterschied, auch wenn er im jeweiligen Moment gar nicht so leicht zu erkennen ist.
Denn natürlich darf ich Nähe wollen.
Natürlich darf ich meinen Partner vermissen und ihm schreiben.
Natürlich darf ich nachfragen, wenn mich etwas beschäftigt.
Selbstkontakt bedeutet nicht, dass ich mich möglichst unabhängig mache und jeden Menschen brauche, der mir gerade zufällig über den Weg läuft, nur noch aus sicherer Entfernung.
Selbstkontakt bedeutet für mich eher, dass ich mitbekomme, was gerade in mir passiert, während ich mit dir in Kontakt bin.
Manchmal weiß ich dann immer noch nicht, was ich möchte.
Möglicherweise merke ich nur, dass ich mich gerade sehr stark nach dir richte.
Vielleicht spüre ich ein Unbehagen, kann aber noch nicht sagen, woher es kommt.
Vielleicht weiß ich, dass ich etwas sagen möchte, habe aber gleichzeitig Angst davor, was danach passiert.
Auch das ist schon eine Wahrnehmung.
Und vielleicht ist genau diese Wahrnehmung wichtig, bevor ich wieder anfange, mich zu verändern, damit du bleibst.
Bei mir bleiben, auch wenn du gehen könntest
Ich kann nicht verhindern, dass du gehst.
Das ist wahrscheinlich der unangenehmste Teil an der ganzen Sache.
Ich kann mich noch so verständnisvoll verhalten, meine Bedürfnisse noch so gut anpassen und noch so sehr versuchen, die Beziehung zusammenzuhalten : eine Garantie dafür, dass ein anderer Mensch bleibt, bekomme ich dadurch nicht.
Ich kann mich zeigen und trotzdem verlassen werden.
Ich kann ein Bedürfnis haben und trotzdem auf Ablehnung stoßen.
Ich kann Nein sagen und trotzdem erleben, dass eine Beziehung daran zerbricht.
Das macht Nähe nicht besonders sicher. Aber vielleicht macht es sie ehrlicher.
Denn wenn ich weiß, dass ich dich nicht zum Bleiben bringen kann, indem ich mich selbst aufgebe, stellt sich irgendwann eine andere Frage:
Wie möchte ich mit dir in Beziehung sein, solange wir miteinander in Beziehung sind?
Jemanden verlieren oder mich selbst verlieren?
Ich weiß nicht, ob eine Beziehung dadurch hält.
Ich weiß auch nicht, ob der andere meine Veränderung versteht oder ob er mit meiner zunehmenden Selbstwahrnehmung etwas anfangen kann. Vielleicht verändert sich dadurch etwas zwischen uns, vielleicht wird manches schwieriger, vielleicht wird anderes überhaupt erst möglich.
Aber ich glaube, dass es einen Unterschied macht, ob ich jemanden verliere oder ob ich mich selbst verliere, um ihn zu behalten.
Das eine kann ich nicht immer verhindern.
Das andere kann ich bemerken.
Und vielleicht beginnt genau dort etwas, das für mich mit Freiheit in Verbindung zu tun hat. Nicht damit, dass mir der andere plötzlich egal wird oder dass ich keine Angst mehr habe, verlassen zu werden. Und auch nicht damit, dass ich niemanden mehr brauche, sondern vielleicht damit, dass ich auch in meiner Angst noch mitbekomme, dass ich da bin: dass ich etwas fühle, auch wenn ich noch nicht weiß, was ich damit machen möchte.
Dann stelle ich vielleicht fest, dass ich ein Bedürfnis habe, auch wenn ich noch nicht weiß, wie ich es aussprechen kann oder dass da ein Nein in mir auftaucht, auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich den Mut habe, es dem anderen zuzumuten.
Vielleicht ist das die Frage, die für mich bei Verlustangst am Ende bleibt:
Wie kann ich Angst davor haben, dass du gehst, ohne deshalb selbst von mir wegzugehen?
Ich glaube nicht, dass sich diese Frage mit einem Satz beantworten lässt.
Vielleicht muss sie das auch gar nicht. Vielleicht ist das hier genau der Forschungsraum, wo du mit dieser Frage eine Weile unterwegs sein kannst.
Und vielleicht verändert sich dabei irgendwann auch die Art, wie du Beziehung und Kontakt erlebst.
Vielleicht als etwas, das zwischen zwei Menschen entsteht, die beide (noch) da sind und bleiben, egal, was in ihnen auftaucht.
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Verbunden mit anderen. Frei bei dir.
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*Wieland Stolzenburg ist Beziehungspsychologe, Bestseller-Autor und gefragt Interviewpartner rund um Bindungs- und Verlustängste und Partnerschaften im Allgemeinen, er begleitete bereits hunderttausende Menschen mit seinen Angeboten dabei, ihre Trennung schnell und nachhaltig zu überwinden und ist u.a. bekannt aus ARD, ZDF, Spiegel Wissen, Focus, Stern oder WDR5.
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