Vor kurzem hat mir ein Mann etwas erzählt, das mich ziemlich beschäftigt hat.
Er sagte mir, dass er in unseren Begegnungen oft zurückhaltend und irgendwie gehemmt gewesen sei.
Als er mir dann erzählt hat, warum, war ich zunächst einmal ziemlich entsetzt: Eine Freundin von mir hatte ihm irgendwann gesagt: „Verletze sie nicht.“
Ich konnte mit diesem Satz überhaupt nicht so viel anfangen. Natürlich verstehe ich, dass jemand eine Freundin schützen möchte und dass dieser Satz vielleicht sogar fürsorglich gemeint war. Trotzdem hat er in mir etwas ausgelöst, weil ich überhaupt nicht in dieser Vorstellung von Beziehung lebe. Ich möchte nicht, dass jemand vorsichtig mit mir ist, weil er Angst hat, mich verletzen zu können. Und ich möchte auch nicht, dass jemand glaubt, er müsse sich in seinem Ausdruck zurückhalten, damit es mir gut geht.
Im Gegenteil. Ich möchte Menschen wirklich begegnen. Ich möchte erleben, was zwischen uns passiert. Und dazu gehört für mich auch, dass jemand etwas in mir auslösen kann.
Was meinen wir eigentlich, wenn wir sagen: „Du hast mich verletzt“?
Das ist für mich die einzig interessante Frage in diesem Kontext.
Was meinst du damit, wenn du sagst: „Du hast mich verletzt.“ ?
Denn ich sage inzwischen ganz bewusst: Niemand kann mich verletzen.
Ich meine das tatsächlich so. Und ich weiß, dass dieser Satz zunächst einmal ziemlich provokant klingt. Natürlich kann ein Mensch einem anderen Menschen Gewalt antun. Wenn jemand mit einem Messer auf mich zukommt und mich angreift, kann er meinen Körper verletzen. Das ist real, sichtbar und spürbar. Darüber spreche ich hier nicht.
Ich spreche von dem anderen Verletzen, von dem wir im Alltag so selbstverständlich reden. Jemand sagt etwas zu mir und ich fühle mich plötzlich beschämt. Jemand weist mich zurück und ich fühle mich abgelehnt. Jemand zieht sich zurück und in mir entsteht Angst. Jemand verhält sich anders, als ich es erwartet habe, und plötzlich bin ich traurig oder wütend.
Was ist dann eigentlich passiert?

Die Wunde war bereits da
Der andere Mensch hat etwas in mir ausgelöst. Aber er hat diese Scham nicht in mir erzeugt. Er hat diese Angst nicht in mir erschaffen. Er hat diese alte Erfahrung von Ablehnung nicht in mich hineingepflanzt.
Die Wunde war bereits da. Der Kontakt hat sie berührt.
Vielleicht hat der andere etwas gesagt, das genau an einer Stelle in mir angekommen ist, die schon lange empfindlich ist. Vielleicht wusste ich selbst gar nicht, dass diese Stelle überhaupt existiert. Vielleicht hätte ich vorher sogar gesagt, dass mich so etwas überhaupt nicht berührt. Und dann passiert es und plötzlich ist da dieses Gefühl.
Für mich ist genau das interessant.
Verantwortung übernehmen, ohne den anderen zum Täter zu machen
Denn wenn ich davon ausgehe, dass der andere mich verletzt hat, mache ich ihn sehr schnell zum Täter und mich selbst zum Opfer.
Und ich möchte beides nicht.
Ich möchte keinen Menschen zum Täter machen und mich selbst nicht zum Opfer.
Das bedeutet für mich allerdings nicht, dass im Kontakt alles folgenlos wäre oder dass wir keine Verantwortung füreinander hätten. Ganz im Gegenteil.
Ich trage Verantwortung dafür, wie ich mit einem anderen Menschen umgehe.
Ich kann bewusst oder unbewusst Grenzen überschreiten, respektlos sein, manipulieren, lügen oder mich über die Bedürfnisse eines anderen hinwegsetzen.
Dafür muss ich Verantwortung übernehmen.
Aber ich bin nicht dafür verantwortlich, was ein anderer Mensch aufgrund seiner eigenen Geschichte in sich fühlt.
Genau diese Unterscheidung finde ich wichtig.
Ich kann hören, dass etwas in dir ausgelöst wurde, ohne daraus zu schließen, dass ich dich „verletzt“ habe und nun dafür sorgen muss, dass dieses Gefühl wieder verschwindet.
Ich kann mich dafür interessieren, was passiert ist, und gleichzeitig anerkennen, dass das, was in dir auftaucht, auch deine eigene Geschichte berührt.
Genauso trage ich Verantwortung für mich.
Wenn etwas, das du sagst oder tust, in mir eine alte Wunde berührt, dann darf ich das ernst nehmen.
Ich darf dir sagen, was es in mir ausgelöst hat.
Ich darf eine Grenze setzen. Ich darf mich entfernen, wenn ich merke, dass mir etwas nicht guttut. Aber ich muss dich deshalb nicht zum Täter machen. Ich kann mich um mich kümmern, ohne dich für mein Gefühl verantwortlich zu machen.
Vielleicht liegt genau darin eine erwachsene Form von Verantwortung: Ich übernehme Verantwortung für mein Handeln, du für dein Handeln, und gleichzeitig dürfen wir uns gegenseitig berühren und etwas im anderen auslösen, ohne dass daraus automatisch Schuld entsteht.

Wenn aus einem Gefühl plötzlich eine Forderung wird
Denn wenn ich dir sage: „Du hast mich verletzt“, kann darin sehr schnell die Forderung liegen, dass du dafür sorgen sollst, dass ich mich nicht mehr so fühle. Und damit gebe ich dir eine Verantwortung, die du gar nicht übernehmen kannst. Du kannst mein Gefühl nicht aus mir herausnehmen. Du kannst nicht zurückdrehen, was in mir aufgetaucht ist. Du kannst dich vielleicht erklären, dich entschuldigen oder mir zuhören. Aber was dieses Erlebnis in mir bedeutet und was ich damit mache, bleibt letztlich bei mir.
Und umgekehrt möchte ich auch nicht, dass du dich ständig selbst kontrollierst, weil du Angst hast, etwas in mir auszulösen. Das würde bedeuten, dass du die Verantwortung für mein Innenleben übernimmst und ich dir gleichzeitig die Freiheit nehme, wirklich du selbst zu sein.
Genau dort wird für mich der Unterschied zwischen Verantwortung und Schuld sichtbar.
Verantwortung bedeutet, dass ich hinschaue, was ich tue und welche Auswirkungen mein Verhalten haben kann.
Schuld bedeutet sehr schnell, dass einer derjenige ist, der etwas „gemacht“ hat, und der andere derjenige, dem etwas „angetan“ wurde.
Ich möchte viel lieber im Kontakt bleiben
Ich möchte viel lieber im Kontakt bleiben.
Wenn du etwas sagst und in mir taucht Scham auf, kann ich dir sagen: „Das hat gerade etwas in mir berührt.“
Vielleicht verstehst du dann, was passiert ist.
Möglicherweise warst du einfach ehrlich und hast eine alte Wunde in mir berührt.
Wir müssen das nicht sofort entscheiden. Wir müssen das noch nicht mal bewerten oder einordnen.
Wir können einfach hinschauen oder hinspüren.
Und genau das ist für mich Kontakt: dass ich dir sagen kann, was in mir passiert, ohne dich dafür verantwortlich zu machen, dass es in mir passiert. Und dass du hören kannst, was ich sage, ohne dich sofort schuldig zu fühlen oder dich gegen meine Wahrnehmung verteidigen zu müssen.
Damit wird Beziehung für mich nicht weniger verbindlich, sondern im Gegenteil viel ehrlicher.
Was passiert, wenn wir einander vor unseren Gefühlen schützen wollen?
Genau da musste ich bei dem Satz „Verletze sie nicht“ noch einmal genauer hinschauen.
Denn was passiert eigentlich, wenn wir glauben, wir müssten einen anderen Menschen davor schützen, dass wir etwas in ihm auslösen?
Wir werden vorsichtig.
Wir überlegen, was wir sagen können und was vielleicht besser nicht.
Wir beobachten den anderen und versuchen herauszufinden, was ihn treffen könnte.
Wir halten uns zurück, verändern unseren Ausdruck und werden vielleicht sogar ein bisschen unfrei, weil wir ständig darauf achten, keinen Schaden anzurichten.
Aber woher sollen wir überhaupt wissen, was wir im anderen auslösen?
Das können wir doch gar nicht wissen.
Ich weiß es ja selbst oft nicht.
Ein Mensch kann mir heute etwas sagen, das mich völlig unerwartet berührt. Vielleicht löst es in mir etwas aus, das mit meiner aktuellen Situation nur sehr wenig zu tun hat und viel mehr mit einer alten Erfahrung. Vielleicht zeigt mir diese Begegnung etwas über mich, das ich vorher gar nicht sehen konnte.
Und genau deshalb finde ich die Vorstellung so absurd, dass wir uns gegenseitig davor schützen müssten, etwas in uns auszulösen.

Der andere zeigt mir etwas, das ich alleine vielleicht nicht sehen würde
Denn vielleicht ist das sogar genau das, was wir brauchen: den Kontakt, den Spiegel, den anderen Menschen, der etwas in mir sichtbar macht, was ich alleine gar nicht sehen könnte.
Ich glaube, dass wir uns selbst in Beziehungen auf eine Weise kennenlernen, die alleine gar nicht möglich ist.
Ich kann natürlich über mich nachdenken und ich kann mich beobachten. Aber bestimmte Dinge werden erst im Kontakt lebendig.
Ich merke vielleicht erst dann, dass ich Angst bekomme, wenn jemand mir wirklich nahekommt.
Möglicherweise bemerke ich meine Scham erst, wenn jemand einen bestimmten Satz sagt.
Oder ich realisiere erst in einer Zurückweisung, wie sehr ich mir eigentlich gewünscht habe, angenommen zu werden.
Der andere zeigt mir etwas.
Und das bedeutet nicht, dass er mir dieses Etwas angetan hat.
Er ist mein Spiegel.
Manchmal zeigt mir dieser Spiegel etwas, das ich sehr gerne sehe. Und manchmal zeigt er mir etwas, das ich am liebsten sofort wieder wegmachen würde.
Brauche ich wirklich so viel Schutz?
Genau an dieser Stelle kommt für mich der Beschützeranteil ins Spiel.
Dieser Teil in uns, der Sicherheit herstellen möchte und verhindern will, dass wir wieder etwas erleben, was einmal sehr wehgetan hat. Ich glaube, dieser Anteil ist nicht unser Feind.
Er hat irgendwann einmal gelernt, dass Schutz wichtig ist.
Schutz war mit Sicherheit einmal überlebenswichtig.
Aber ich frage mich inzwischen immer öfter, ob dieser Schutz heute tatsächlich noch das tut, was ich von ihm brauche.
Denn was passiert, wenn ich mich ständig davor schützen möchte, etwas Unangenehmes zu fühlen?
Ich verhindere vielleicht genau die Erfahrungen, durch die ich mich selbst besser kennenlernen könnte.
Und was passiert, wenn ich andere Menschen davor schützen möchte, etwas in mir auszulösen?
Dann verhindere ich vielleicht genau den Kontakt, in dem etwas sichtbar werden könnte.
Das ist für mich die eigentliche Frage hinter dieser ganzen Geschichte:
Brauche ich wirklich so viel Schutz?
Oder schützt mich mein Schutz inzwischen sogar vor dem Kontakt, nach dem ich mich eigentlich sehne?
Echte Begegnung bedeutet nicht, dass nichts Unangenehmes passiert
Echter Kontakt bedeutet für mich nicht, dass wir einander so vorsichtig behandeln, dass möglichst nichts Unangenehmes passiert.
Echte Begegnung bedeutet für mich, dass alles auftauchen darf, was auftaucht, und dass wir damit sein können.
Wenn ich wütend werde, darf ich wütend sein. Wenn ich Angst bekomme, darf ich Angst bekommen. Wenn ich mich schäme, darf ich Scham fühlen. Wenn ich mich abgelehnt fühle, darf dieses Gefühl da sein. Wenn ich Nein sagen möchte, darf ich Nein sagen. Wenn ich Nähe möchte, darf ich Nähe wollen. Und wenn ich Abstand brauche, darf auch das sein.
Das bedeutet nicht, dass der andere all diese Gefühle für mich lösen oder meine Bedürfnisse erfüllen muss.
Es bedeutet nur, dass ich nichts davon wegmachen muss, damit unser Kontakt bestehen bleiben kann.
Und genauso darf der andere fühlen, was er fühlt.
Er darf mich ablehnen. Er darf wütend sein. Er darf eine Grenze haben. Er darf Nein sagen. Er darf etwas an mir nicht mögen. Er darf sich zurückziehen. Er darf etwas aussprechen, das ich nicht gerne höre.
Vielleicht löst das etwas in mir aus. Dann kann ich hinschauen. Ich kann spüren, was gerade passiert. Ich kann vielleicht sogar sagen: „Das hat gerade etwas in mir berührt.“
Und der andere muss daraus nicht sofort die Schlussfolgerung ziehen, dass er etwas falsch gemacht hat.
Vielleicht können wir einfach neugierig werden und schauen, was gerade passiert, was zu mir gehört, was zu dir gehört und was zwischen uns entsteht.
Vielleicht ist genau das Kontakt
Für mich beginnt genau dort Freiheit.
Ich muss dich nicht davor schützen, dass du etwas in mir auslöst. Und du musst mich nicht davor schützen, dass ich etwas in dir auslöse. Wir können einander begegnen, ohne vorher zu wissen, was diese Begegnung mit uns machen wird.
Das ist für mich inzwischen ein ganz wesentlicher Teil von Beziehung.
Ich möchte nicht in einer Beziehung leben, in der wir uns gegenseitig vor unseren eigenen Gefühlen schützen müssen.
Ich möchte in einer Beziehung sein, in der alles da sein darf und in der wir uns zutrauen, mit dem umzugehen, was auftaucht.
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Schutz und Freiheit.
Schutz versucht zu verhindern, dass etwas passiert.
Freiheit erlaubt, dass etwas passiert, und vertraut darauf, dass wir damit umgehen können.
Und vielleicht ist das auch der Punkt, an dem Freiheit und Verbundenheit überhaupt erst zusammenfinden.
Du bist du. Ich bin ich. Und trotzdem begegnen wir uns.
Denn wenn ich mich nicht mehr davor fürchten muss, dass du etwas in mir auslöst, kann ich dir wirklich begegnen.
Dann muss ich mich nicht mehr kontrollieren und dich nicht mehr kontrollieren.
Ich muss nicht vorher wissen, was passieren wird.
Ich darf mich zeigen. Du darfst dich zeigen. Und wir dürfen herausfinden, was zwischen uns entsteht.
Vielleicht berührst du dabei eine alte Wunde in mir. Vielleicht berühre ich eine in dir. Vielleicht werden wir wütend, traurig, ängstlich oder beschämt. Vielleicht fühlen wir uns plötzlich sehr nah und im nächsten Moment brauchen wir Abstand.
Und vielleicht ist genau das nicht das Problem.
DAS ist für mich KONTAKT!
Denn ich glaube inzwischen, dass wir uns nicht gegenseitig „brauchen“, um uns vor unseren Wunden zu schützen.
Wir „brauchen einander“, damit wir sie überhaupt sehen können.
Und vielleicht brauchen wir deshalb nicht weniger Kontakt, um uns nicht zu verletzen.
Vielleicht brauchen wir mehr Freiheit im Kontakt, mehr Ehrlichkeit, mehr Mut, zu sagen, was gerade wirklich in uns passiert, und mehr Vertrauen darin, dass ein Gefühl, das durch dich in mir ausgelöst wird, nicht automatisch bedeutet, dass du mir etwas angetan hast.
Du bist du.
Ich bin ich.
Und trotzdem begegnen wir uns.
Immer wieder.
Und genau dort entsteht für mich das, was ich FreiVerbunden nenne.
Freiheit in Verbindung.
Frei bei dir. Verbunden mit anderen.