Wenn Beziehung Angst macht

Angst vor Nähe in der Beziehung: Wenn wir uns genau das holen, wovor wir uns fürchten

Anita9777

Ich saß auf meinem Sofa und wartete auf eine Antwort.
Es ging um eine ganz normale Nachricht, nichts Dramatisches.
Und ich habe mich dabei ertappt, wie ich innerhalb von zwanzig Minuten drei Versionen der Zukunft durchgespielt habe.

„Er antwortet nicht mehr. Er hat sich schon entschieden. Ich war zu viel.“
Das war meine fertige Geschichte, während mein Handy auf meinem Schoß lag und ich nur noch auf das „zuletzt online vor 12 Minuten“ starrte, während in mir etwas passierte, das ich seit Jahren kenne: das Ziehen im Bauch, die Enge in der Brust, die mir die Angst vergegenwärtigten, bald wieder verlassen zu werden.

Ich glaube, in solchen Momenten stellen wir uns oft die falsche Frage. Wir wollen das Gefühl nicht fühlen und fragen uns, wie wir diese Angst loswerden.
Die viel interessantere Frage für mich ist tatsächlich:

Was macht diese Angst eigentlich mit dem, was danach passiert? Was steckt eigentlich hinter dieser Angst ?

 

Was diese Angst vor Nähe eigentlich ist

Angst vor Nähe in einer Beziehung klingt erstmal nach einem Widerspruch.

Jeder wünscht sich doch Nähe, sonst wäre man ja nicht in der Beziehung, würde man meinen. Trotzdem zieht sich bei manchen von uns etwas zusammen, sobald es wirklich ernst wird: sobald jemand „ich liebe dich“ sagt und es ehrlich meint; sobald ein Gespräch plötzlich nicht mehr oberflächlich ist, sondern echte Verletzlichkeit verlangt; sobald jemand verlässlich bleibt, während  wir schon darauf „warten“, dass er es nicht tut.

Diese Angst zeigt sich selten als große, dramatische Szene, sie ist meistens kleiner und alltäglicher, als man denkt:
Ein Satz wird zu einer Interpretation aufgebauscht.
Eine späte Antwort wird zum Beweis.
Eine ganz normale Meinungsverschiedenheit fühlt sich an wie der Anfang vom Ende.
Und mittendrin steht die Frage, die wirklich niemand gerne laut ausspricht: Werde ich hier gleich wieder verlassen? Ist hier gleich schon wieder alles zu Ende -> endet hier die Verbindung oder Beziehung?

Mir ist aufgefallen, dass viele Frauen, die genau das so gut kennen, nach außen hin überhaupt nicht ängstlich wirken. Im Gegenteil. Sie sind diejenigen, die viel geben, viel mittragen, viel Verständnis haben. Die Angst zeigt sich nicht als Zittern, sondern als ständige innere Wachsamkeit, z.B. als das leise Mitzählen, ob sich der andere gerade mehr oder weniger meldet als letzte Woche.

Und ganz wichtig an dieser Stelle:
Es geht mir nicht darum, dass mit dir etwas kaputt ist, wenn du das kennst. Es geht darum, genauer hinzuschauen, was da eigentlich passiert, statt es entweder zu verdrängen oder sich selbst dafür zu verurteilen.

Der Gedanke, der bei mir alles verschoben hat

Ich habe vor einer Weile einen Satz gehört, der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht: „Angst ist der verdeckte Wunsch.“

Der klingt auch erst einmal komisch, oder? Das will man gar nicht wirklich hören. Ich habe doch Angst davor, verlassen zu werden. Wieso sollte ich mir das wünschen?

Aber schau mal genauer hin. Wenn wir jahrelang mit einer Anspannung herumlaufen, mit dieser ständigen inneren Alarmbereitschaft, dann ist irgendwann nicht mehr das eigentliche Ereignis das Problem, sondern die Spannung selbst. Und Spannung will sich auflösen. Das ist keine Charakterschwäche, das ist einfach, wie unser Nervensystem funktioniert. Ein Zustand, der zu lange anhält, sucht sich einen Ausweg, egal wie schmerzhaft dieser Ausweg am Ende ist.

Wenn du also seit Jahren mit der Angst lebst, verlassen zu werden, und dann tatsächlich verlassen wirst, passiert etwas Paradoxes. Es tut weh, keine Frage. Und gleichzeitig löst sich etwas: die Anspannung ist vorbei. Das Warten auf das Schlimme ist vorbei. Du fühlst dich in gewisser Weise sogar bestätigt: Siehst du, ich hatte recht, ich wusste es ja die ganze Zeit.

Das ist die eigentliche Falle. Wir bekommen nicht Nähe und Sicherheit, wonach wir uns eigentlich sehnen. Wir bekommen die Bestätigung unserer Angst, weil diese so vertraut ist. Und vertraut fühlt sich, so verrückt das klingt, oft leichter an als all das Unbekannte. Ein bekannter Schmerz ist manchmal erträglicher als eine unbekannte Sicherheit.

Zu  behaupten, dass wir uns bewusst wünschen, verlassen zu werden, das wäre mir zu einfach und würde die ganze Sache wieder in eine Schuldfrage drehen, und genau das möchte ich nicht. Aber ich finde den Gedanken enorm hilfreich, um zu verstehen, warum sich manche Muster so hartnäckig wiederholen, obwohl wir uns doch eigentlich das komplette Gegenteil wünschen. Oh mein Gott, wie oft ich mir selbst schon gesagt habe, dieses Mal wird alles anders, und dann doch wieder am gleichen Punkt gelandet bin.

Warum wir uns oft selbst zuerst verlassen

Hier wird es für mich richtig spannend.

Denn ich glaube, dass die Angst, von anderen verlassen zu werden, bei vielen Frauen eng mit etwas anderem zusammenhängt: damit, dass sie sich selbst immer wieder verlassen.

Was meine ich damit?
Ich meine diese Momente, in denen ein leises Nein in dir auftaucht und du trotzdem ja sagst.
Ich meine diese Momente, in denen du genau spürst, das passt mir gerade nicht, und es trotzdem runterschluckst, weil Harmonie gerade wichtiger scheint als deine eigene Wahrheit.
Wenn du das über Jahre so praktiziert hast, es so gelernt hast, dann wird es zur Gewohnheit und etwas Grundlegendes hast Du dadurch verlernt oder gar nicht erst kennengelernt:   dich selbst als verlässlich zu erleben.

Wenn du dir selbst schon nicht ganz vertraust, wie solltest du dann Vertrauen ins Aussen richten?

Dahinter stecken oft alte Überzeugungen, die man selten laut ausspricht, weil sie sich zu unangenehm anfühlen:

„Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“

„Ich bin nicht gut genug.“

„Wenn der andere mich wirklich kennen würde, würde er gehen.“
Solche Sätze entstehen nicht aus dem Nichts. Sie entstehen meistens früh, in Beziehungen, in denen Nähe an Bedingungen geknüpft war, oder in denen die eigenen Gefühle nicht so wichtig genommen wurden wie die der anderen.

Dann laufen wir als erwachsene Frauen durchs Leben, funktionieren, kümmern uns, sind für alle da, und merken erst richtig spät, dass wir dabei ständig an uns selbst vorbeigehen.
Bis zu dem Punkt, an dem eine Beziehung wirklich eng wird, und plötzlich taucht diese alte Angst wieder auf.
Weil echter Kontakt oder Nähe der Ort ist, an dem alte Wunden am ehesten berührt werden. Kontakt mit jemand anderem ist immer auch Kontakt mit den eigenen alten Geschichten.

Ein Beispiel, das mir dabei oft einfällt: Jemand fragt am Wochenende, ob du mitkommst, obwohl du eigentlich erschöpft bist und lieber zu Hause bleiben würdest. Du sagst trotzdem zu, weil du nicht als anstrengend gelten willst. Am Abend bist du gereizt, ohne selbst genau zu wissen, warum. Und der andere merkt diese Gereiztheit natürlich auch. So entsteht mit der Zeit ein Muster, in dem du dich selbst immer wieder übergehst, um Nähe zu sichern, und genau dadurch unbewusst genau die Distanz erzeugst, vor der du dich eigentlich fürchtest. Das Nein, das nie ausgesprochen wird, sucht sich irgendwo einen anderen Weg: in einer Handlung, die man eigentlich nicht will und die uns dann unzufrieden macht, während wir uns gleichzeitig noch verurteilen.

Wie sich das schon am Anfang einer Beziehung zeigt

Interessant finde ich, dass diese Angst nicht erst dann auftaucht, wenn eine Beziehung schon lange läuft. Oft zeigt sie sich viel früher, nur in einer anderen Verkleidung.

Da ist zum Beispiel dieser Moment, in dem jemand wirklich zuverlässig ist: er meldet sich, wie angekündigt. Er hält, was er sagt.
Und statt Erleichterung entsteht ein leiser Verdacht: das kann doch nicht echt sein.
Oder eine diffuse Unruhe, die man selbst nicht richtig einordnen kann.

Oder der Moment, in dem eine Beziehung anfängt, sich sicher anzufühlen, und man selbst plötzlich beginnt, kleine Fluchten zu suchen: mehr Zeit mit Freundinnen einplanen, sich innerlich schon wieder distanzieren, bevor überhaupt etwas passiert ist. Oft sogar, ohne dass man selbst genau merkt, dass man das gerade tut.

Ich finde es wichtig, das zu benennen, weil es sonst so leicht verwechselt wird mit „Ich habe einfach kein Interesse mehr“ oder „Das ist wohl nicht der Richtige“. Dabei kann es genauso gut bedeuten, dass gerade echte Nähe entstanden ist, und der alte Reflex, sich zu schützen, genau darauf reagiert.

 

Woran du das bei dir bemerken könntest

Ich mag es nicht, wenn Beziehungsthemen in Checklisten verwandelt werden, nach dem Motto, kreuz an, wie viele Punkte auf dich zutreffen, und dann weißt du, ob du Bindungsangst hast. So einfach funktioniert das aus meiner Sicht nicht. Aber es gibt Momente, die sich lohnen, genauer anzuschauen, statt sie einfach zu überspringen:

Wie fühlt es sich an, wenn jemand dir wirklich nah kommt?
Wird es eng, sobald jemand verlässlich ist, statt distanziert und schwer erreichbar?
Suchst du dir Menschen aus, bei denen von vornherein klar ist, dass es kompliziert wird, obwohl du dir eigentlich etwas Ruhiges wünschst?
Was passiert in dir, wenn eine Beziehung tatsächlich stabil und sicher wird?
Wird es dann ruhiger in dir oder fängt genau dann etwas an, unruhig zu werden, weil dir das Gefühl von Sicherheit fremd vorkommt?

Das sind keine Fragen, auf die es eine richtige Antwort gibt. Es sind Fragen, die einen Raum öffnen können, in dem du dich selbst etwas besser verstehst, ohne dass gleich ein Urteil dranhängt.

Wenn du an dieser Stelle tiefer schauen möchtest, gibt es einen Online-Test zur Bindungsangst , den ich an dieser Stelle gerne erwähne. Er ersetzt kein Gespräch mit dir selbst oder mit einer Fachperson, aber er kann ein hilfreicher erster Schritt sein, um eigene Muster klarer zu sehen, statt nur mit einem diffusen Gefühl von „irgendwas stimmt bei mir nicht“ durch den Alltag zu laufen.

 

Ein paar Fragen, die mir dazu immer wieder gestellt werden

Bedeutet Angst vor Nähe, dass ich keine Liebe empfinden kann?

Nein, ganz im Gegenteil. Die Sehnsucht nach Nähe ist meistens sogar besonders stark bei Frauen, die diese Angst kennen. Genau das macht es so verwirrend. Man will Nähe und fürchtet sich gleichzeitig davor, sobald sie tatsächlich da ist.

Ist das dann Bindungsangst oder einfach nur Unsicherheit?

Ich finde diese Abgrenzung ehrlich gesagt weniger wichtig, als man oft denkt. Ob man es Bindungsangst, Verlustangst oder einfach ein altes Muster nennt, spielt für den eigentlichen Prozess kaum eine Rolle. Wichtiger ist, was du konkret in dir bemerkst, wenn Nähe entsteht, nicht wie das Ganze am Ende heißt.

Kann sich das verändern?

Aus meiner Erfahrung ja, aber nicht durch reines Verstehen allein. Verstehen ist ein guter Anfang. Verändert hat es sich bei mir eher dadurch, dass ich angefangen habe, mich selbst im Kontakt wahrzunehmen, statt mich weiter zu verlassen, sobald es unbequem wird.

Muss ich meinem Partner erklären können, warum ich so reagiere?

Nein, nicht sofort und nicht perfekt. Es reicht oft schon, wenn du selbst anfängst zu bemerken, wann die Angst auftaucht, statt sofort danach zu handeln. Die Erklärung kommt meistens später von ganz allein.

Woran erkenne ich den Unterschied zwischen einem echten Warnsignal und meiner Angst?

Das ist tatsächlich eine der schwierigsten Fragen dabei, und ich glaube nicht, dass es dafür eine allgemeingültige Formel gibt. Ein echtes Warnsignal bleibt meistens auch dann bestehen, wenn du dich beruhigt hast und in Ruhe draufschaust. Die Angst dagegen verschwindet oft wieder, sobald der andere sich meldet oder etwas klärt, und taucht beim nächsten kleinen Anlass erneut auf.

Zum Schluss

Ich glaube nicht, dass es als erstes darum geht, die Angst wegzubekommen. Es geht darum, den Moment dazwischen etwas größer zu machen, den Moment zwischen dem ersten Ziehen im Bauch, der Enge in der Brust und der Reaktion danach. Genau hier entscheidet sich, ob wir wieder das alte, vertraute Muster bestätigen, oder ob wir uns diesmal für uns selbst entscheiden.

Mir hilft es inzwischen, mich zuerst zu fragen, was in mir gerade passiert, bevor ich auf das reagiere, was der andere angeblich gemeint haben könnte. Das klappt nicht immer, aber öfter als früher.

Und viel öfter bemerke ich mitten in diesem kurzen Innehalten schon, dass die Geschichte, die ich mir gerade erzähle, mehr mit meiner Vergangenheit zu tun hat als mit dem, was gerade tatsächlich zwischen uns passiert. Das verändert nicht sofort alles. Aber es verändert, wie ich mit mir selbst umgehe, während ich mit jemand anderem in Kontakt bin. Und genau darum geht es hier eigentlich die ganze Zeit.

Wenn du an dem Thema weiter dranbleiben willst und mein kostenloses E-Book noch nicht heruntergeladen hast, findest du es hier .  Darin kannst du sechs Forschungsräume entdecken, die genau bei diesem Zwischenraum ansetzen, zwischen dir und den Menschen, die dir nah sind.

 

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