Bei mir bleiben

Grenzen setzen, ohne dich schuldig zu fühlen

Anita9777

Warum ein Nein manchmal schon da ist, bevor wir es aussprechen

 

Du bekommst eine Nachricht: „Kannst du mir morgen kurz helfen?“

Du hast genug zu tun, eigentlich hast du Einiges vor, der Tag ist voll und den Abend hattest du dir anders vorgestellt.

Du liest die Nachricht und antwortest trotzdem: „Ja, klar.“

Und erst als die Nachricht längst abgeschickt ist, bemerkst du dieses kleine Gefühl von Widerstand und den Gedanken, der auftaucht: „Eigentlich wollte ich das gar nicht.“

Möglicherweise kennst du das aus dem Alltag nur zu gut:
Du bleibst vielleicht länger in einer Situation als Du wolltest. Du hörst länger zu und bleibst in dem Gespräch, als du es dir vorgenommen hattest. Du übernimmst schnell noch eine Tätigkeit für jemanden, beantwortest schnell noch eine Nachricht oder kommst jemandem mit etwas entgegen.

Und bei all dem fragst du dich hinterher: „Warum habe ich das eigentlich gemacht? Warum habe ich schon wieder Ja gesagt?“

Mich beschäftigt hier tatsächlich eine Frage viel mehr:

 

Was ist eigentlich in dem Moment passiert, bevor du Ja gesagt hast?

 

Denn vielleicht war dein Nein schon da und du hast es nur nicht zeitnah bemerkt.

 

 

Die Grenze beginnt nicht erst beim Nein

 

Wenn wir über Grenzen sprechen, geht es meistens darum, wie wir Nein sagen können, klarer in unserer Kommunikation werden, unsere Bedürfnisse und Wünsche aussprechen  und lernen, uns immer wieder abzugrenzen.

Das kann alles sinnvoll sein.

Mich interessiert allerdings der Moment davor.

Jemand fragt dich etwas und du reagierst sofort.

Vielleicht hast du schon wahrgenommen, was der andere braucht, bevor du DICH überhaupt in diese Frage mit einbezogen hast.

Möglicherweise spürst du seine Enttäuschung schon, bevor du überhaupt Nein gesagt hast. Vielleicht möchtest du die Situation angenehm halten und antwortest deshalb so, wie es für den anderen gerade am einfachsten und bequemsten ist.

Und dein eigener Wunsch kommt erst später.

Das ist für mich eine interessante Stelle. Warum eigentlich?

Eine Grenze wahrzunehmen bedeutet nicht unbedingt, sofort zu wissen: Ich will das nicht.

Manchmal ist da zunächst ein Zögern oder ein „ungutes Gefühl“. Ein Gedanke wie: „Eigentlich würde ich lieber……“

Vielleicht weißt du aber auch noch gar nicht, was du möchtest.

Auch das gehört dazu.

Wir erwarten oft von uns, dass wir möglichst schnell eine eindeutige Antwort finden. Ja oder Nein. Nähe oder Abstand. Bleiben oder Gehen.

Aber Kontakt ist nicht immer so eindeutig.

Manchmal braucht es einen Moment, bis du überhaupt bemerkst, was gerade deins ist.

 

Was passiert, wenn du diesen Moment nicht überspringst?

Du könntest beim nächsten Mal einfach etwas langsamer werden, um dich selbst besser mitzubekommen.

Wenn dich dann jemand fragt, spürst Du kurz hin: „Wie ist das gerade für mich? Möchte ich das wirklich? Habe ich dafür Kapazitäten?“

Wenn ein klares Ja kommt, dann ist das wunderbar.

Ein klares NEIN ist genauso wunderbar.

Vielleicht brauchst du aber auch noch Zeit und kannst dann sagen:

„Ich weiß es gerade noch nicht. Ich melde mich später.“

Auch das ist eine wunderbare Möglichkeit zu reagieren.

 

Für mich beginnt Selbstkontakt genau dort: Ich bin in dieser Situation nicht nur damit beschäftigt, den anderen Menschen wahrzunehmen, sondern ich bekomme auch mit, dass ich selbst da bin.

 

 

Oft kommt dann das schlechte Gewissen

Das Schwierige ist häufig gar nicht das Nein selbst, sondern das, was danach passiert:

 

Du hast abgesagt und fragst dich später, ob du zu hart warst.

Du möchtest heute nicht telefonieren und hast plötzlich das Bedürfnis, dich ausführlich zu erklären.

Du setzt eine Grenze und bemerkst sofort, dass der andere enttäuscht ist und schon bist du wieder damit beschäftigt, die  Enttäuschung irgendwie aufzufangen, dich zu rechtfertigen oder zu erklären.

Das alles kann sich sehr vertraut anfühlen.

Gerade wenn du früh gelernt hast, die Stimmung anderer Menschen gut wahrzunehmen, kann die Reaktion des anderen unglaublich schnell wichtiger werden als deine eigene.

Dann fühlt sich dein Nein wirklich falsch an.

Ein schlechtes Gefühl bedeutet allerdings nicht automatisch, dass du etwas falsch gemacht hast.

Ich würde gerne eine andere Frage stellen:

Was macht die Enttäuschung eigentlich mit dir? Bist du bereit, die Ent-täuschung auszuhalten?

 

Der andere darf enttäuscht sein, weil er vielleicht eine andere Antwort erwartet hat, als du ihm gegeben hast.

Er darf dein Nein doof finden.

Und du darfst trotzdem bei dir bleiben.

Das bedeutet ja nicht, dass dir seine Gefühle egal sind.

Es bedeutet nur, dass seine Gefühle nicht automatisch zu deiner Verantwortung werden.

 

Vielleicht war dein schnelles Ja einmal eine gute Lösung

Ich denke, es macht keinen Sinn, unsere Muster und Strategien zu verurteilen.
Aber es macht Sinn, sie wahrzunehmen und genauer zu beleuchten.

Wenn du sehr schnell bemerkst, was andere Menschen brauchen, wenn du dich gut anpassen kannst, wenn du Konflikte lieber vermeidest oder dafür sorgst, dass es allen gut geht, dann hat das wahrscheinlich einen Grund.

Solche Fähigkeiten entstehen nicht aus Dummheit oder als „Fehler im System“, sie entstehen aus Erfahrungen.

Die Stimmung von anderen Menschen möglichst früh zu bemerken, war sicherlich mal wichtig und Anpassung sinnvoll. Es hat dich sicher gemacht, wenn Du wusstest, wann du dich besser zurückhältst.

Das Schwierige ist nicht, dass diese Strategien einmal da waren.

Das Schwierige ist eher, dass sie irgendwann so selbstverständlich werden, dass wir sie kaum mehr als Strategie erkennen.

Dann sagen wir:

„Ich bin eben hilfsbereit.“ „Ich kann schlecht Nein sagen.“ „Ich möchte niemanden enttäuschen.“

Und vielleicht stimmt das sogar.

Die Fragen, die bei mir allerdings auftauchen, sind:

Ist das (noch) stimmig für mich? Und: Wie schaffe ich es, anders zu reagieren?

 

Letztlich darf es ja auch genauso sein: Ich nehme den anderen wahr, erkenne, was er braucht, und bekomme aber trotzdem auch mit, was bei mir gerade passiert, bestenfalls was natürlich bekomme ich mit, was ich eigentlich gerade brauche und bringe das in den Kontakt.

Eine Grenze muss keine Distanz schaffen

Ich glaube, dass wir Grenzen manchmal falsch verstehen.

Als würden wir mit einer Grenze automatisch etwas zwischen uns und einen anderen Menschen stellen wie eine Mauer oder einen Schutzwall.

Dabei ist das Nein eine Form von ehrlichem Kontakt.
Wenn du sagst:

„Heute möchte ich nicht.“

Und du dich damit abgrenzt, dann bist nicht weniger in Beziehung. Du bist sogar in einem sehr ehrlichen Kontakt mit dir und zeigst dich damit. Du machst sichtbar, wo du gerade stehst. Das ist doch ehrlicher als ein Ja, was eigentlich keines ist.

 

Wenn du ständig zustimmst, obwohl du etwas anderes möchtest, bleibt die Verbindung nach außen vielleicht bestehen. Innerlich ziehst du dich aber irgendwann zurück.

Du wirst müde, erschöpft, gereizt, genervt, unwillig, lustlos, vermeidend.

Vielleicht kommt dann auch irgendwann der Ärger über den anderen.

Dabei hat der andere gar nicht gewusst, dass du längst über deine eigene Grenze gegangen bist.

Ein ehrliches Nein schafft daher oft mehr Verbindung als ein angepasstes Ja.

 

 

Was du ausprobieren kannst

Nimm eine kleine Situation.

Jemand fragt dich etwas und du bemerkst, dass du sofort antworten möchtest.

Dann warte einen Moment, um Dich selbst wahrzunehmen.

Ist da ein Ja, ein Nein, ein „Heute eher nicht“ oder ein „Eigentlich weiß ich gerade nicht…“?

Vielleicht auch ein : „Ich denke darüber nach.“

Und dann achte einmal darauf, was passiert.

Mit Dir UND dem anderen Menschen.

Was macht es mit dir, wenn du nicht sofort verfügbar bist?

Was passiert, wenn jemand enttäuscht ist?

Was passiert, wenn du deine Entscheidung nicht sofort erklärst?

Und was passiert, wenn du merkst:

Ich darf da sein, auch mit meinem Nein.

Möglicherweise beginnt gesunde Abgrenzung genau dort, wo Du Dich selbst in dem Moment bemerkst, in dem du mit einem anderen Menschen in Kontakt bist .
Und daraus entsteht vielleicht dann das „Nein“ oder das „Ja“ -aber dann ist es DEINS.

 

Ich habe das kostenfreie E-Book „Wo bin ich und wo bist du?“ entwickelt, als Einladung, dich selbst im Kontakt genauer wahrzunehmen und herauszufinden, wie das bei dir eigentlich funktioniert.

Vielleicht ist das ein guter nächster Schritt für dich.

 

Wenn du noch mehr über Grenzen lesen willst und eine andere Stimme dazu „hören“ magst, empfehle ich dir das „Grenzen-setzen-Bundle“ von Sina Dieterle. Hier erfährst du noch viel mehr über Grenzen, „Nein sagen“, Rückzug, Anpassung, Selbstverlust, Selbstkontakt.

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