MICH ZEIGEN

Angst vor Ablehnung: Was passiert, wenn du dich wirklich zeigst?

Anita9777

Ich glaube, wir haben ein ziemlich großes Problem mit dem Wort Scham.

Wir reden nämlich kaum darüber.

Und das Verrückte daran ist: Genau das passt ziemlich gut zur Scham.

Denn Scham hat etwas sehr Eigenartiges an sich. Sie möchte nicht gesehen werden. Sie möchte nicht benannt werden. Sie möchte am liebsten unentdeckt bleiben.

Und so entsteht ein ziemlich perfekter Teufelskreis:

Ich schäme mich.
Also verstecke ich mich.
Ich spreche nicht darüber.
Niemand sieht es.
Ich denke, mit mir stimmt etwas nicht.
Und genau deshalb schäme ich mich noch mehr.

Oh mein Gott. Wie soll man da eigentlich herauskommen?

Vielleicht beginnt es damit, dass wir überhaupt einmal genauer hinschauen.

Angst vor Ablehnung: Wovor hast du eigentlich Angst?

Wenn du Angst vor Ablehnung hast, wovor genau hast du eigentlich Angst?

Davor, dass jemand sagt: „Nein, das möchte ich nicht“?

Oder davor, dass jemand anderer Meinung ist?

Davor, dass dein Gegenüber enttäuscht ist?

Davor, dass jemand dich nicht mehr mag?

Oder steckt da noch etwas anderes dahinter?

Manchmal geht es bei der Angst vor Ablehnung gar nicht nur darum, dass ein anderer Mensch etwas nicht möchte.

Oft  geht es um die Bedeutung oder Interpretation, die wir dieser Ablehnung geben.

Was würde es für dich bedeuten, wenn dein Gegenüber deinen Wunsch nicht gut findet?

Wie wäre es für Dich, wenn dein Partner enttäuscht wäre?

Was hätte es für eine Bedeutung, wenn jemand deine Grenze nicht versteht?

Wie wäre es (in Deiner Vorstellung?), wenn du etwas sagst und der andere darauf plötzlich anders reagiert als erwartet?

Lass uns eine ziemlich alltägliche Situation nehmen.

Dein Partner fragt dich am Freitag:

„Was wollen wir am Wochenende machen?“

Eigentlich weißt du es ziemlich genau.

Du möchtest einen Tag für dich. Vielleicht raus in den Wald. Alleine. Kein Programm, keine Menschen, einfach mal deine Ruhe.

Und gleichzeitig taucht dieser kleine Gedanke auf:

„Dann denkt er bestimmt, ich will nichts mit ihm machen oder er ist mir nicht wichtig.“

Oder: „Das ist doch egoistisch.“

Oder: „Jetzt wird er enttäuscht sein.“

Also sagst du: „Mir ist es eigentlich egal. Was möchtest du denn machen?“

Und schon ist dein eigener Wunsch verschwunden.

Aber nicht, weil dein Partner ihn abgelehnt hat, sondern weil du ihn gar nicht erst gezeigt hast.

Und genau hier wird es interessant.

Denn vielleicht lohnt sich genau hier die Frage:

Was hätte passieren können, wenn du deinen Wunsch tatsächlich ausgesprochen hättest?

Vielleicht wäre dein Partner enttäuscht gewesen.

Oder er hätte vielleicht gesagt: „Schade, ich hatte mich auf gemeinsame Zeit gefreut.“

Vielleicht hätte er es aber auch völlig verstanden.

Möglicherweise hätte er sogar gesagt:

„Mach das. Ich glaube, ich brauche den Tag für mich auch.“

Wir wissen es nicht.

Denn du hast dich bereits zurückgezogen, bevor der Kontakt überhaupt stattfinden konnte.

„So darf ich nicht sein.“

Genau hier kann Scham auftauchen.

Nicht unbedingt als großer Moment von: „Oh, ich schäme mich.“

Viel subtiler.

Scham kann sich in Sätzen verstecken wie:

„Ich bin falsch.“ „Ich bin nicht genug.“ „Ich bin nicht richtig.“ „So darf ich nicht sein.“

„Damit kann ich mich doch nicht zeigen.“ „Ich bin zu viel.“ „Ich bin zu empfindlich.“

„Ich bin schwierig.“

Und es gibt einen entscheidenden Unterschied.

Es ist etwas anderes, wenn ich denke: „Ich bin gerade zu viel.“

oder:

„Ich bin zu viel.“

Das eine beschreibt einen Moment.

Das andere macht daraus eine Aussage über mich.

Und genau da wird es schwierig.

Denn wenn ich glaube, dass ich grundsätzlich falsch, zu viel, zu empfindlich oder nicht genug bin, dann wird Sichtbarkeit gefährlich.

Dann geht es nicht mehr nur darum, ob jemand meinen Wunsch mag.

Dann steht plötzlich viel mehr auf dem Spiel:

Was, wenn der andere sieht, wie ich wirklich bin?

 

Die Scham versteckt sich ziemlich gut

Und deshalb verstecken wir uns.

Manchmal ganz offensichtlich.

Wir sagen etwas nicht, wir wechseln das Thema. Wir machen einen Witz daraus. Wir spielen etwas herunter. Wir werden besonders vernünftig. Wir passen uns an. Wir ziehen uns zurück. Wir tun so, als wäre überhaupt nichts gewesen.

Und auch hier gibt es wieder diese kleinen Alltagssituationen.

Du möchtest deinem Partner sagen, dass dich etwas verletzt hat. Du hast es dir vielleicht sogar vorher genau überlegt.

Du sagst: „Als du gestern …“

Dann schaust du in sein Gesicht. Vielleicht wirkt er überrascht, vielleicht ist da ein längerer Blick.

Und plötzlich kommt dieser Gedanke: „Oh Gott. Jetzt habe ich etwas Falsches gesagt.“

Und schon geht es los:

„Ach, ist eigentlich auch nicht so wichtig.“  „War wahrscheinlich einfach blöd von mir.“

„Vergiss es.“

Deine eigene Wahrheit ist wieder verschwunden.

Noch bevor dein Gegenüber überhaupt wirklich darauf reagieren konnte.

Das ist der Teufelskreis des Versteckens in Reinform.

Ich zeige mich ein Stück. Es fühlt sich gefährlich an. Ich ziehe mich wieder zurück.

Der andere sieht mich nicht wirklich.

Und dadurch bekomme ich auch keine echte Erfahrung damit, was passieren würde, wenn ich mich tatsächlich zeige.

 

„Das ist mir peinlich“ ist manchmal erst der Anfang

Natürlich kann es hilfreich sein, zu sagen:

„Das ist mir peinlich.“ Oder: „Ich schäme mich gerade.“

Das bringt etwas ans Licht. Und allein das kann schon ein Unterschied sein.

Aber vielleicht ist das erst der Anfang.

Denn interessant wird es dort, wo wir genauer hinschauen.

Du möchtest zum Beispiel sagen:

„Ich brauche heute Zeit für mich.“

Und sofort taucht etwas auf: „Dann bin ich egoistisch.“ „Das kann ich doch nicht bringen.“

„Ich sollte doch froh sein, dass wir Zeit miteinander haben.“ „Was stimmt denn nicht mit mir?“

Vielleicht sagst du deinen Wunsch trotzdem, vielleicht aber auch nicht.

Und genau diese inneren Sätze sind interessant.

Denn sie erzählen uns etwas darüber, was wir über uns selbst glauben.

 

Scham macht aus einem Bedürfnis eine Bedrohung

Ein Wunsch ist zunächst einmal ein Wunsch.

Ein Bedürfnis ist ein Bedürfnis.

Aber wenn Scham ins Spiel kommt, kann daraus plötzlich eine ziemlich große Sache werden.

Dann wird aus: „Ich möchte heute alleine sein.“

ganz schnell: „Darf ich das überhaupt?“ „Ist das okay?“ „Wie kommt das beim anderen an?“

„Bin ich damit zu viel?“ „Bin ich damit schwierig?“ „Was denkt der andere jetzt über mich?“

Und plötzlich geht es gar nicht mehr um den ursprünglichen Wunsch.

Es geht darum, ob ich mit diesem Wunsch noch okay bin.

Ob ich mit mir okay bin.

Und vielleicht beginnt genau dort die Entfernung von mir selbst.

Was passiert eigentlich im Körper?

Scham ist nicht nur ein Gedanke.

Sie kann körperlich ziemlich deutlich auftauchen.

Dein Gesicht kann heiß und rot werden. Vielleicht spürst du einen Stich oder es zieht sich etwas im Bauch zusammen.

Die Beine werden weich oder zittern. Vielleicht möchtest du am liebsten im Boden versinken.

Der Puls geht hoch. Du hältst den Atem an. Du möchtest weg.

Und manchmal fühlt sich das erstaunlich ähnlich an wie Angst.

Vielleicht lohnt sich deshalb auch hier eine andere Frage:

Ist das wirklich nur Angst?

Oder steckt da auch Scham drin?

Die Angst vor dem, was passieren könnte, wenn ich mich zeige.

Die Angst vor dem Blick des anderen.

Die Angst davor, bewertet zu werden.

Die Angst davor, dass jemand etwas an mir entdeckt, das ich selbst lieber verstecken würde.

 

Angst vor Ablehnung hält uns nicht nur von anderen fern

Das Interessante ist:

Wenn ich mich ständig davor schützen möchte, abgelehnt zu werden, entferne ich mich irgendwann auch von mir selbst.

Ich beobachte dann immer stärker den anderen:

Was denkt er? Wie wirke ich? Was erwartet mein Gegenüber? Was darf ich sagen? Was sollte ich besser lassen?

 

Und während ich den anderen immer genauer lese, verliere ich vielleicht den Kontakt zu mir:

Was will ich eigentlich? Was fühle ich? Was brauche ich? Was ist mir wichtig? Was möchte ich sagen? Was möchte ich gerade nicht?

Und dann wird aus Beziehung irgendwann ein permanentes Regulieren des Kontaktes.

Ich versuche herauszufinden, wie ich sein muss, damit alles gut bleibt.

Der Teufelskreis des Versteckens

Und jetzt wird der Zusammenhang noch deutlicher.

Ich habe Angst vor Ablehnung. Also zeige ich weniger von mir.

Der andere weiß dadurch weniger darüber, was ich wirklich denke, fühle oder möchte.

Ich bekomme weniger echte Reaktionen und damit auch weniger echte Erfahrungen.

Die Vorstellung:

„Wenn ich mich wirklich zeige, werde ich abgelehnt.“

kann dadurch wunderbar weiterbestehen.

Denn ich habe sie nie wirklich überprüft. Ich habe mich ja gar nicht vollständig gezeigt.

Das ist das Gemeine an diesem Teufelskreis.

Das Verstecken schützt mich kurzfristig.

Aber langfristig hält es genau die Überzeugung am Leben, vor der ich mich eigentlich schützen wollte.

Auftauchen statt verschwinden

Möglicherweise geht es deshalb gar nicht darum, Scham möglichst schnell loszuwerden.

Vielleicht geht es zuerst einmal darum, sie auftauchen zu lassen.

Welche Sätze tauchen auf, wenn du dich zeigen möchtest?

Vielleicht: „Ich bin zu viel.“ „Ich bin nicht interessant genug.“ „Ich bin peinlich.“

„Ich darf diesen Wunsch nicht haben.“ „So kann ich mich doch nicht zeigen.“ „Wenn ich mich so zeige, werde ich verlassen.“

Und hier wird es spannend, denn diese Sätze sind nicht automatisch die Wahrheit.

Sie sind Gedanken, Überzeugungen, Erfahrungen.

Oft sehr alte Erfahrungen.

Aber sind sie heute noch stimmig?

Stimmt das überhaupt? Ist das heute noch meine Wahrheit?

Das ist etwas anderes als positives Denken.

Ich muss mir nicht einreden:

„Ich bin wunderbar und alle Menschen werden mich lieben.“

Darum geht es überhaupt nicht.

Es geht eher darum, dass etwas, das bisher im Verborgenen gewirkt hat, sichtbar werden darf.

Damit ich es überhaupt anschauen kann.

Du musst dich nicht sofort mutig zeigen

Und nein, daraus folgt jetzt nicht:

„Also los. Zeig dich endlich!“

Das wäre ja fast schon wieder eine neue Forderung.

Eventuell reicht es zunächst, etwas anderes zu bemerken:

Den Moment, in dem du dich zurückziehst.

Den Satz, den du gerade nicht ausgesprochen hast.

Das Lächeln, mit dem du etwas überspielst.

Den Wunsch, den du sofort wieder kleinmachst.

Das Erröten.

Den kurzen Stich.

Den Gedanken:

„Das darf ich jetzt nicht sagen.“

 

Lass uns auf eine ganz andere Alltagssituation schauen:

Du schreibst jemandem eine Nachricht.

Eigentlich möchtest du sagen: „Ich würde dich heute gern sehen.“

Du liest den Satz. „Zu direkt.“ Also löschst du ihn.

Dann schreibst du: „Hast du heute vielleicht Zeit?“ Du liest ihn wieder. „Klingt irgendwie bedürftig.“

Wieder löschen.

Am Ende steht da vielleicht: „Was machst du heute eigentlich?“

Und dein ursprünglicher Wunsch ist irgendwo auf dem Weg verschwunden.

Niemand hat ihn abgelehnt. Niemand hat gesagt, dass er zu viel ist. Du hast ihn selbst zurückgenommen.

Und genau da kann es interessant werden. Da könnte sich die Beobachtung lohnen:

Was ist da gerade passiert?

 

Und was hat das mit Nähe zu tun?

Ich denke, das hat ziemlich viel mit Nähe zu tun, denn echte Nähe bedeutet nicht nur, dass ein anderer Mensch mir nahekommt, sondern Nähe bedeutet auch, dass ich mit mir selbst in Kontakt bleibe, während ich mit einem anderen Menschen in Kontakt bin.

Dass ich spüre, was in mir passiert.

Dass ich einen Wunsch bemerke, eine Grenze, eine Unsicherheit, eine Irritation, einen Rückzug.

Und dass ich nicht sofort verschwinde, nur weil es im Kontakt gerade schwierig wird.

Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem sich die Frage verändert.

Nicht mehr:

„Wie werde ich meine Angst vor Ablehnung los?“

Sondern:

„Was passiert eigentlich in mir, wenn ich mich zeigen möchte?“

Und vielleicht finden wir dort irgendwann auch die Scham.

Nicht als großes, dramatisches Gefühl, sondern ganz leise.

In einem Satz. In einem Rückzug. In einem Lächeln.In einem „Ist schon okay“. In einem „Mir ist egal, was wir machen“.

Oder in einer Nachricht, die niemals abgeschickt wird.

 

Vielleicht darf Scham auftauchen

Scham ist leise.

Sie sagt nicht unbedingt:

„Hallo, ich bin die Scham.“

Viel eher sagt sie:

„Sei lieber nicht so.“ „Sag das besser nicht.“ „Das kannst du doch nicht machen.“

„Was sollen die anderen denken?“

Und wenn wir diesen Sätzen folgen, verschwindet etwas von uns.

Wir zeigen weniger. Wir sagen weniger. Wir fragen weniger. Wir wünschen weniger.

Und niemand sieht, was eigentlich in uns passiert.

Der Teufelskreis bleibt geschlossen.

Vielleicht beginnt etwas Neues genau dort, wo wir ihn unterbrechen.

Es geht nicht darum, dass wir uns zwingen, mutig zu sein, sondern dass wir bemerken, was wir gerade verstecken.

Welcher Gedanke ist da? Welche Angst? Welcher Wunsch? Welche Überzeugung über mich?

Und dann taucht vielleicht die erstaunlich einfache Frage auf:

Stimmt das überhaupt? Ist das heute noch meine Wahrheit?

 

Denn erst wenn etwas auftaucht, können wir es anschauen.

Und vielleicht ist genau dieses Auftauchen schon ein ziemlich wichtiger Schritt.

Heute glaube ich: Wir müssen Scham nicht bekämpfen, um freier im Kontakt zu werden. Aber wir dürfen anfangen, sie sichtbar werden zu lassen.

Und vielleicht entdecken wir dabei nicht nur etwas über unsere Angst vor Ablehnung, sondern auch darüber, wie wir gelernt haben, uns selbst im Kontakt zu verlieren.

 

Nach oben scrollen